
Eröffnung des Medienforums durch die Organisatorin Susanne Wunderlich und Herrn Leonidowitsch von der Administration Rostow am Don
Vom 8. bis 11. Oktober fand in Rostow am Don das sechste Medienforum des Deutsch-Russischen Forums e.V. statt. Teilnehmer waren ehemalige Stipendiaten deutscher journalistischer Förder-programme, die heute im in Medien-unternehmen oder PR-Unternehmen tätig sind. Vier Tage lang beschäftigten sich die 22 jungen Nachwuchsjournalisten aus verschiedenen Regionen Russlands mit dem Thema „Journalismus in der Wirtschaftskrise“. In zahlreichen Veranstaltungen diskutierten sie mit namhaften Referenten aus Medien, Wissenschaft und Wirtschaft.
Thematisch war die viertägige Veranstaltung in zwei Themenblöcke aufgeteilt. Am Eröffnungstag wurde die Berichterstattung zur Krise in Vorträgen und einer Podiumsdiskussion hinterfragt und an den Folgetagen die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf den Journalismus und die Medienunternehmen besprochen.
Eröffnet wurde das Medienforum 2009 mit den Grußworten der Organisatorin Susanne Wunderlich und der Gebietsadministration Rostow am Don. Herr Leonidowitsch, Leiter der Abteilung Internationale Zusammenarbeit des Gebiets Rostow, betonte in seiner Ansprache die Bedeutung deutscher Kontakte und Partnerschaften für die Stadt Rostow. Nicht nur für die wirtschaftliche Zusammenarbeit sei Deutschland ein wichtiger Bezugspunkt, auch im Bildungsbereich gäbe es großes Interesse am weiteren Ausbau der deutsch-russischen Beziehungen. Dabei würden vor allem Veranstaltungen wie das Medienforum eine entscheidend Rolle spielen, da sie jungen Journalistinnen und Journalisten wichtige Austauschmöglichkeiten böten.
Dr. Gerald Hosp, Moskau-Korrespondent der Neuen Züricher Zeitung, führte im Anschluss mit seinem Vortrag über „Die Finanz- und Wirtschaftskrise in den europäischen Medien“ in das Thema ein. Er erläuterte, wie sich die beginnende Finanzkrise als Thema in den Medien zuerst nicht durchsetzen konnte, dann aber ab August 2008 plötzlich zum Thema Nummer 1 wurde. Anhand von eigenen Beobachtungen erklärte er, welche allgemeinen medialen und journalistischen Charakteristika mitverantwortlich waren an dieser Entwicklung.

Podiumsdiskussion, Moderation Hendrik Sittig, KAS Moskau
Den russischen Blick der Medien auf die Finanz- und Wirtschaftskrise beschrieb Wladimir Borodin, Generaldirektor und Chefredakteur der Zeitung „Trud“ in Moskau. Er hob besonders die wirtschaftliche Situation der Medien und der Journalisten in der Krise hervor und erläuterte Möglichkeiten, die sich aus der Krise für seine Zeitung ergaben. Auf die konkrete Berichterstattung zur Krise ging er in der anschließenden Podiumsdiskussion „Die Rolle der Medien in der Finanz- und Wirtschaftskrise“ ein. Moderiert von Hendrik Sittig, Journalist und Projektleiter bei der Konrad-Adenauer Stiftung in Moskau, diskutierten die Teilnehmer über das mögliche Versagen der Medien bei der Aufdeckung der herannahenden Finanzkrise und die Mainstream-Berichterstattung, die Außenseitern wenig Aufmerksamkeit schenkt. Alexandra Endres vom Wirtschaftsressort Zeit Online verteidigte zumindest die deutschen Journalisten: „Manche Kollegen haben früh vor den Folgen der Immobilienblase in den USA gewarnt. Aber niemand wollte auf sie hören.“ Sie räumte jedoch ein: „Wir hätten kritischer nachfragen müssen. Aber das gilt auch für die Mehrheit der Ökonomen, Politiker und Bankaufseher.“ Angesprochen wurde desweiteren die Ausbildung der Journalisten, die gerade bei regionalen und lokalen Medien den Anforderungen an eine fundierte Berichterstattung nicht gerecht werde, so die Diskussionsteilnehmer. Vor allem in Russland sei dies ein großes Problem.

Zweiter Seminartag
Der zweite Tag des Medienforums begann mit einem Vortrag von Oleg Panfilow zur sozialen Verantwortung von Journalisten in Krisensituationen. Er machte darauf aufmerksam, dass Journalisten in Russland kaum über ihre Rechte aufgeklärt seien und unter anderem deshalb nicht verantwortungsbewusst handeln würden – beispielsweise bei der Akzeptanz von gesetzeswidrigen Verhalten ihnen gegenüber: „Russische Journalisten sind faul. Sie nehmen zu viel hin und legen kaum Beschwerde ein bei Fehlverhalten. Damit behindern sie aber die Verringerung von Missständen.“ In seiner Präsentation zeigte er auf, wie viele Journalisten in Russland in den letzten Jahren ums Leben gekommen sind: Von 1983 bis 2008 waren es 16 Todesfälle bei der Ausübung ihres Berufes. Die Teilnehmer des Medienforums stellten viele Fragen und auch beim nachfolgenden Mittagessen brach das Gespräch mit Oleg Panfilow nicht ab.
Ein Runder Tisch mit den Auslandskorrespondenten Sergej Sumlenny, Deutschland-Korrespondent der russischen Zeitschrift „Expert“, und Dr. Gerald Hosp gab den Teilnehmern die Möglichkeit, speziell Fragen zu Recherche und Erhalt von Informationen im Ausland zu stellen. Besonders in Krisensituationen seien Informationsquellen sehr wichtig. „Der Kreml ist in seiner Informationspolitik unter Präsident Medwedew viel offener und professioneller als früher“, so Gerald Hosp. In Deutschland wiederum habe man als Auslandskorrespondent oft mit dem schlechten Russlandbild zu kämpfen, sagte Sergej Sumlenny. „Kein Deutscher würde sein Geld in einer russischen Bank anlegen. Es gibt auch kaum ein russisches Produkt auf dem deutschen Markt. Das Image Russlands in Deutschland ist einfach zu schlecht, um es gut vermarkten zu können.“ Das Russlandbild in Deutschland wird sich so schnell nicht ändern, aber das Medienforum leistete seinen Beitrag zum gegenseitigen Verständnis.
Deutsche Referenten und russische Teilnehmer diskutierten am Nachmittag bei der Bootsfahrt auf dem Don noch weiter über das deutsch-russisch Verhältnis.

PD Gaskrise
Am Abend des 9. Oktober veranstaltete das Deutsch-Russische Forum gemeinsam mit n-ost, dem Netzwerk für Osteuropa-Berichterstattung, eine Podiumsdiskussion über die zurückliegenden Gaskrisen. Andrej Blinow, Direktor des Instituts für Russlandstudien Kiew, Maria Belowa, Abteilungsleiterin am Institut für Energetik und Finanzen, Roland Götz, Energieexperte und Lehrbeauftragter der FU Berlin und die freie Journalistin Gemma Pörzgen diskutierten unter der Moderation von Peter Kapern über die Gründe der Gaskrisen und die Gefahren für Deutschland und Europa. Auf die Frage, ob die Gaskrise politisiert wurde und Russland sein Gas als Machtmittel einsetze, entgegnete Roland Götz: „Die Politisierung des Themas ‚russisches Gas’ in der westlichen Öffentlichkeit hängt mit der stärker gewordenen Russlandkritik nach dem Tschetschenienkrieg, der Chodorkowski-Affäre und der Verhärtung der innenpolitischen Verhältnisse unter Putin zusammen. Dass die russische Führung Energie bzw. Gas als politische Waffe benutzt, wurde von russlandkritischen Kreisen in den USA und in Osteuropa immer wieder behauptet, aber nie nachgewiesen.“ Für Roland Götz stecken hinter der Gaskrise ausschließlich wirtschaftliche Interessen der Unternehmen. Einer gemeinsamen EU-Energiepolitik steht er skeptisch gegenüber: „Die EU kann keine ausgeprägt gemeinsame Energiepolitik verfolgen, weil die Interessen ihrer Mitglieder stark differieren. Einige setzen auf Atomkraft und Kohle, andere auf Gas und erneuerbare Energien. Die geforderte Solidarität in den Außenbeziehungen wird eine leere Forderung bleiben, da die EU den privatwirtschaftlich verfassten Energiesektoren ihrer Mitgliedsländer keine Vorschriften machen kann.“ Die zahlreichen Fragen aus dem Publikum nach der Diskussion zeugten von dem großen Interesse an diesem Thema. Mit den Referenten aus Russland, Deutschland und der Ukraine standen ihnen kompetente Experten zur Verfügung, die unterschiedliche Sichtweisen auf den Konflikt darstellen konnten.

Referenten und Teilnehmer
Der dritte Tag des Medienforums widmete sich den wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise auf die Medienunternehmen. Michail Berger, Geschäftsführer von Rumedia in Moskau, erklärte anschaulich und unter aktiver Teilnahme der jungen Nachwuchsjournalisten, in welcher Situation sich die russischen Medienunternehmen gegenwärtig befinden und wie sich die Wirtschaftskrise auf dem Medienmarkt auswirkt. Die Krise stelle auch für ihn eine Chance dar, so Berger. Sie bewirke ein Umdenken in der Organisationsstuktur, eine Anpassung an den Markt durch Umverteilungen in den Redaktionen, neue Präsentationskonzepte von Nachrichten und Informationen sowie die verstärkte Anpassung an die Leser.
Die Unterschiede zu den Strategien der deutschen Medienunternehmen in der Krise sind nicht sehr groß. Werner D’Inka, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, begründete seine neuen Konzepte mit den Entwicklungen der Zeitungslandschaft, des Werbemarktes und des Internets. Er kam zu dem Schluss, dass das Internet zukünftig Hauptinformationsmedium werden wird und dass es gilt, gute Konzepte für den Erhalt eines Qualitätsjournalismus zu entwickeln. Diese neuen Modelle könnten sich über Stiftungen finanzieren, über spezielle Bezahlangebote oder öffentliche Gebühren. Die Wirtschaftskrise fördere durch die gegenwärtige finanzielle Notsituation das Suchen nach neuen kreativen Finanzierungssystemen von journalistischen Inhalten aber auch nach neuen inhaltlichen Konzepten. Werner D’Inka zeigte auf, dass innerhalb des gesamtheitlich sinkenden Zeitungsmarktes die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Sonntagzeitung beispielsweise eine steigende Auflagenzahl haben – ebenso wie die Zeitschriften Gala und Neon. Damit sehen beide Referenten, Michael Berger und Werner D’Inka, die Wirtschaftskrise und auch die bereits seit längerem benannte Zeitungskrise als Chance, sich neuen technischen, ökonomischen und nutzungsgerechten Bedingungen anzupassen und kreative Zukunfsmodelle zu schaffen.
Als nächster Programmpunkt folgte der Markt der Möglichkeiten. Die Teilnehmer der internationalen n-ost-Konferenz und des Medienforums konnten hier Organisationen in Deutschland, Osteuropa und Russland kennenlernen, um Kontakte aufzubauen und sich zu vernetzen. Die jungen russischen Journalisten hatten aber ebenso die Gelegenheit für Gespräche mit den Journalisten von n-ost. Denn ein Grund für die Ortswahl des Medienforums 2009 war gerade die Vernetzungsmöglichkeit mit deutschen und osteuropäischen Journalisten.

Redaktionsbesuch
Weitere lokale Kontaktmöglichkeiten ergaben sich bei Redaktionsbesuchen in Rostow. Drei Gruppen erkundeten die Medienlandschaft und sprachen mit den Mitarbeitern der regionalen TV-Station „Juschnyj region“ („Südliche Region“), der Internetredaktion www.161.ru und dem Chefredakteur der Zeitschrift «Vestnik Olimpiady“ („Informationsanzeiger der Olympiaspiele“). Auf Grundlage eines vorab erstellten Fragenkatalogs sollte auch hier herausgefunden werden, wie sich die Wirtschaftskrise auf das Medium auswirkte und welche Maßnahmen ergriffen wurden. Laut des Leiters der TV-Station „Juschnyj region“, Georgij Kudinov, wurden etwa 30 Prozent der Mitarbeiter wegen der Finanzkrise gekündigt, der Arbeitsumfang blieb allerdings auf dem Niveau der Zeit vor der Krise. Das sei der Grund gewesen, die Arbeit wesentlich zu optimieren und an die Projekte zu denken, die für den Fernsehsender Perspektive haben. In erster Linie sei das die Verbreitung der Reichweite des TV-Kanals im Rostower Gebiet, was durch die Möglichkeiten des Internets jetzt durchaus realistisch erscheine.
In der sich anschließenden Präsentation der Ergebnisse gab es einen regen Austausch unter den Teilnehmern selbst und sehr viel positives Feedback zu den Journalistenkollegen in den Rostower Redaktionen.
Am Abend folgte die Abschlussveranstaltung, die gemeinsam mit n-ost am Ufer des Dons stattfand. Hauptpunkt war die Verleihung der n-ost-Reportagepreise. Im Anschluss an das Festprogramm hatten die Teilnehmer ausgiebig Zeit für vertiefende Gespräche und gemeinsame russisch-deutsche Tänze.
Der letzte Tag des Medienforums wurde genutzt, um mit den Teilnehmern Möglichkeiten ihrer Beteiligung am Alumniportal Regionen.Ru zu erörtern. Das Informations- und Kontaktportal präsentiert Hintergrundinformationen zu den 83 russischen Regionen sowie deutschsprachige Kontakte aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Bildung, Kultur, Gesellschaft und Medien. Die jungen deutschlanderfahrenen Journalisten erhalten hier die Möglichkeit, ihr Wissen um die deutsch-russischen Beziehungen in Form von Beiträgen zu publizieren und auch sich selbst als Ansprechpartner für deutsche Kollegen anzubieten. Die Teilnehmer unterstützen diese Idee. Auch sind sie gern bereit, Artikel über ihre Regionen für das Portal zu verfassen.

Teilnehmer
In der abschließenden Evaluation der Veranstaltung gab es kaum kritische Anmerkungen zum Medienforum. Die Referentenauswahl wurde gelobt ebenso wie die Gesamtorganisation. Auch die Redaktionsbesuche empfanden die Teilnehmer als gelungene Möglichkeit, journalistische Strukturen in anderen Regionen kennenzulernen. Sergej Sumlenny, Journalistenalumni und Auslandkorrespondet bei der russischen Wirtschaftszeitung Expert, fand „das Medienforum in Rostow sehr interessant. Den Organisatoren ist es gelungen, eine sehr gute Balance von Vorträgen und Diskussionen zu finden sowie sehr engagierte Teilnehmenerinnen und Teilnehmer zu gewinnen. Das Thema Wirtschaftskrise, das allen jungen Journalistinnen und Journalisten nah am Herzen lag, sorgte für eine lebendige und spannende Diskussion. Für mich war das Forum eine gute Chance, Ideen mit Kolleginnen und Kollegen aus ganz Russland auszutauschen und einen frischen Blick auf das Problem der Wirtschaftskrise zu erhalten.”
Susanne Wunderlich, Artem Lysenko , Katja Plachov
Projektkoordination Medienforum 2009