Home

Rückblick Medienforum 2008

Mittwoch, 10. Dezember 2008 | Autor: Deutsch-Russisches Forum Moskau

Artikel als PDF (mit Bildern)

Vom 20. bis 23. November fand in Perm das fünfte Medienforum des Deutsch-Russischen Forums statt.  19 deutschsprachige Nachwuchsjournalisten aus ganz Russland trafen in Perm zusammen, um gemeinsam mit deutschen und russischen Referenten die Rolle der Onlinemedien in beiden Ländern  zu diskutieren. In Vorträgen und Diskussionsrunden wurden unterschiedliche Facetten dieses aktuellen Themas aufgegriffen und die Beiträge der Teilnehmer in einem anschließenden Audiopodcasting-Workshop verarbeitet.

Eröffnet wurde die viertägige Veranstaltung von Herrn Sapko, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Administration Perm, der das Medienforum als wichtigen Beitrag im aktuellen interkulturellen Mediendiskurs hervorhob. Denn die große Menge an Informationen, die im Internet verbreitet werde, werfe viele juristische und moralische Fragen auf, deren Klärung es bedarf, so Sapko. Das Medienforum des Deutsch-Russischen Forums könne helfen, gemeinsam Probleme zu diskutieren und Lösungsansätze zu finden.

Die medienrechtlichen Aspekte der russischen und deutschen Internetmedien wurden im Anschluss von Herrn Prof. Dr. Peter Schiwy und Dr. Viktor Naumov erläutert.  Herr Schiwy, Jurist und Professor an der Verwaltungshochschule in Speyer betonte, dass in Deutschland die Meinungs- und Pressefreiheit bereits seit 1949 im Grundgesetz verankert ist und damit das Fundament für die freie Meinungsäußerung in allen Medien geschaffen wurde. Das Internet würde in Deutschland zunehmend dazu genutzt, um politische Inhalte zu transportieren, die Nutzer direkt anzusprechen und zum Mitmachen und Mitgestalten zu bewegen. Das Web 2.0 spiele hierbei eine große Rolle.  Jedoch sei die Mehrheit der Web2.0-Nutzer bislang eher passiv.

In Russland wiederum besteht das Problem des rechtlichen Status der Internetmedien, da diese in der  klassischen russischen Gesetzgebung nicht als Massenmedien betrachtet werden und deshalb nicht erfasst sind, so das Fazit des russischen Medienrechtsexperten und Professors an der Staatlichen Universität St. Petersburg Dr. Viktor Naumov. Seit etwa zehn Jahren arbeite man daran, die Informationsweitergabe im Internet juristisch zu definieren und in neuen Gesetzesentwürfen zu verankern.

Die beiden Vorträge stimmten die Teilnehmer und Gäste des Medienforums auf die folgende Podiumsdiskussion ein. Herr Steffen Laas, Kultur- und Presseattaché des Generalkonsulates Ekaterinburg warf vorab in seinem Grußwort bereits die richtigen Fragen zum Internet auf „Wie hoch steht das Gut der Meinungsfreiheit? Wo ist die Grenze zwischen legitimer Kontrolle und Zensur? Was ist legitim? Wer bestimmt die Regeln?”  Journalisten deutscher und  russischer Medien diskutierten über die Kontrolle von Journalisten in den Redaktionen, die Möglichkeiten von Web2.0 für freie Meinungsäußerung und die Nutzung sowie den Missbrauch des Internets für politische Zwecke. Die zahlreichen Fragen von Teilnehmern und Gästen ließen erkennen, dass das Thema nicht nur aktuell ist, sondern auch eine breite Öffentlichkeit anspricht.

Nach der Podiumsdiskussion waren natürlich nicht alle Fragen geklärt. So wurden noch während des Abendempfangs, der Stadtrundfahrt wie auch anschließend in den Hotelzimmern viele kleine informelle Diskussionsgruppen gebildet, in denen sich die Referenten und Teilnehmer des Forums austauschten.

Am Folgetag stand das Thema „Onlinemedien und Web2.0″ in Vorträgen und Arbeitsgruppen auf dem Programm.  Domenika Ahlrichs, Chefredakteurin der Netzeitung stellte den russischen Journalisten die erste reine Internetzeitung in Deutschland vor. Sie sprach über die Interaktionsmöglichkeiten und das Nutzungsverhalten der Leser, die Finanzierung der Onlinezeitung und über die Unterschiede zum Onlineauftritt klassischer Medien. Da diese Zeitung den meisten Teilnehmern noch unbekannt war, wurde von dem Vortrag bald in ein gemeinsames Gespräch übergeleitet.

Im Anschluss stellte sich Nikita Belych, der Überraschungsreferent des Tages, als politischer Blogger den Fragen der russischen Journalisten zu seinem Internetauftritt.  Der ehemalige Leiter der liberalen Partei SPS und Vizegouverneur von Perm nutze seinen Blog dazu, einen größeren Personenkreis direkt anzusprechen und mit diesem Ideen zu evaluieren.  Zudem seien Blogs wichtig, um zu erfahren, welche Themen in der Gesellschaft gerade aktuell sind.  Eine Diskussion entwickelte sich aus der Frage, ob Wahlergebnisse im Internet vertrauenswürdig sind oder nicht.  Mit Anton Nosik, einem der bekanntesten Blogger Russlands und Gründer der Nachrichtenportale Lenta.Ru und Gazeta.Ru wurde die Auseinandersetzung fortgeführt.  Im Gegensatz zu Kollegen aus dem Onlinebereich sieht er das Internet vorwiegend als Textmedium, denn Internet-TV sei Fernsehen.  Blogs wiederum seien seiner Meinung nach die zukünftigen Informationsquellen für Intellektuelle, Zeitungen für die Allgemeinheit, die es nicht versteht, sich ihre Nachrichten und Neuigkeiten selbst zu recherchieren. Provokante Thesen, die der Mitbegründer der russischen Blogger-Plattform Live-Journal.Ru zur Diskussion stellte.

Ruhiger gestaltete sich der Vortrag von Gunnar Jütte, der in den 90er Jahren das deutschsprachige Nachrichtenportal Russland.Ru gründete, das seine Leserschaft mit aktuellen Nachrichten und Hintergrundinformationen zu Russland versorgt. Sein neues Projekt Russland.TV wird in Zukunft auch den visuellen Informationshunger der Russlandinteressierten stillen.  Tatiana Petrenko, Redakteurin der Deutschen Welle in Bonn, stellte den internationalen Wettbewerb der besten Webblogs  „Tthe BOBs” vor und präsentierte die Gewinner diesen Jahres.

Nach den Vorträgen waren die Teilnehmer selbst gefragt, ihre Ansichten zu Onlinemedien, Web2.0 und die Herausforderungen für einen Onlinejournalismus zusammenzutragen und zu präsentieren. Hilfestellungen erhielten sie dafür in der Redaktion des Permer Verlagshauses „Compagnion”  und in der Studentenredaktion an der Staatlichen Universität.  Beim Gespräch mit dem Chefredakteur von Compagnion Igor Lobanov haben die Teilnehmer des Medienforums erfahren, dass viele Nachrichten erst online stellt werden, nachdem sie in der Zeitung erschienen sind. Die Internetfassung würde jedoch wesentlich öfter von Nutzern gelesen, was sehr wichtig für die Popularität der Permer Zeitung sei. In der sich anschließenden Arbeitsgruppe erörterten die Teilnehmer die Rückkanalfähigkeit des Internets mit ihren positiven und negativen Seiten. Sie stimmten unter anderem darin überein, dass bei den Onlinemedien der Kontakt zu der Leserschaft direkter sei, doch auch die Gefahr der einseitigen Konzentration auf „superaktive” Leser bestehe. In der Web2.0 orientierten Gruppe fand man keinen gemeinsamen Konsens, so dass unter der Moderation von Niklas Möring die einzelnen Meinungen abgefragt wurden.  Sergej Sumlenny, Deutschlandkorrespondent der Wirtschaftszeitung Expert meinte, dass der Übergang „von redaktionell kontrollierten Artikeln und persönlicher Meinung einzelner Autoren im Internet verschwimmt”. Wenn ein Journalist in seiner Freizeit blogge, würde dies von den Lesern dann als private Meinung betrachtet oder nicht? Sei jeder Privatmann, der gut recherchierte Texte in seinem privaten Blog veröffentliche, direkt ein Journalist? Diese immer wieder aufgegriffenen Fragen wurden von den Teilnehmern kontrovers diskutiert, ohne zu einem abschließenden Votum zu gelangen.

Der dritte Tag diente der praktischen Fortbildung der Teilnehmer. Ben Alber, freier Journalist für den Bayrischen Rundfunk und Dana Ritzmann, Projektleiterin des Jugendmedienportals To4ka-Treff.Ru, zeigten den Teilnehmern, wie man eine Audioreportage erstellt und diese im Internet journalistisch aufbereitet. Den gesamten Tag saßen die jungen Journalisten an den Rechnern, schnitten Interviews mit den Referenten Johannes Vosswinkel und Aidar Muschdabaew oder auch die Kommentare der interviewten Gäste. Leider reichte die Zeit nicht aus, um alle Audiopodcastings fertigzustellen und zu präsentieren, doch das Feedback der Teilnehmer nach dem Workshop war sehr positiv. „Die Themenbereiche dieses Medienforums wie Onlinejournalismus und Podcasting waren ziemlich neu für mich und ich habe wertvolle theoretische und praktische Erfahrungen in diesem Bereich gesammelt. Ein Audiopodcast selbst zu erstellen, habe ich zum ersten Mal probiert und es hat mir sehr gefallen.” meinte  Julia Poliakova, die für das Forum zwei Tage mit dem Zug aus Krasnojarsk angereist war. Einige Podcasts sind auf den Portalen www.medienforum.ru und www.totschka-treff.ru veröffentlicht.

Die Podiumsdiskussion am Abend des dritten Tages warf noch einmal die Frage nach den Chancen und Risiken des Onlinejournalismus auf. Hendrik Sittig, Onlinejournalist und Projektleiter der Konrad-Adenauer-Stiftung befragte dazu Domenika Ahlrichs, Dana Ritzmann, Tatiana Timofeewna und Aidar Muschdabaew.  Da dieses Thema in den vorangegangenen Tagen immer wieder eingeflossen ist in die Gespräche der Teilnehmer und Referenten, wurde versucht, andere Aspekte anzusprechen wie die Bezahlung von Onlinejournalisten in Deutschland und Russland oder die Ausbildung derselben.

Am Morgen des vierten Tages waren alle erschöpft, doch sehr zufrieden. Die Evaluation brachte neben einigen kritischen Anmerkungen wie dem sehr engen Zeitplan und wenig Raum für thematisch freie Diskussionen sehr viele positive Reaktionen.  Julia Belova aus Moskau gestand kurz vor der Abreise „Es gab zwar nicht viel Zeit für ausreichend Schlaf, aber dafür habe ich aktuelle Information und lebendige Ideen zu den Onlinemedien erhalten und die gesamte Zeit produktiv verbracht. Danke noch einmal für dieses interessante und nützliche Forum!”  Auch die Referenten zeigten sich insgesamt sehr begeistert, wie der Kommentar von Domenika Ahlrichs zu der Veranstaltung beweißt: „Das Medienforum in Perm war eine faszinierende Mischung aus Horizonterweiterung, Austausch, Lehren und Lernen. Durch ein gut strukturiertes Programm mit inhaltlich aufeinander aufbauenden und einander ergänzenden Terminen gelang es, das Thema Onlinemedien in großer Bandbreite erlebbar zu machen. Das gesellige Beisammensein mit russischen Journalisten, mit Referenten aus dem Gastgeberland und Deutschland rundete alles ab und machte Lust auf Kontakt auch über die Zeit in Perm hinaus.” Am Ende des Medienforums bedankten sich die Organisatoren bei den Referenten für die Weitergabe ihres Wissens, den russischen Nachwuchsjournalisten für ihre aktive Teilnahme, der Administration Perm für die Gastfreundschaft und dem Institut für Zivilengagement für die professionelle Unterstützung vor Ort.

Die Ergebnisse der Medienforums, die Referenten und eine Auswahl an Vorträgen sind auf dem Portal www.medienforum.ru einzusehen.   Eine Auswahl der Audiopodcasts und einen Beitrag zum Medienforum befinden sich auch auf dem Jugendmedienportal www.totschka-treff.ru.  

Susanne Wunderlich, Artem Lyssenko, Niklas Möring

Tags »

Trackback: Trackback-URL | Feed zum Beitrag: RSS 2.0
Thema: Perm

Diesen Beitrag kommentieren.

Ein Kommentar

  1. Интересная тема, Спасибо!

Kommentar abgeben