Rückblick

Medien in multiethnischen Gesellschaften

In der Region rund um die Stadt Pjatigorsk, in der über 30 Nationalitäten leben, sei der Friede und das Einvernehmen der Menschen insbesondere von der Art der Berichterstattung abhängig, betonte Jens Gust von der Deutschen Botschaft Moskau bei der Eröffnung des achten Medienforums im Oktober 2011. Medien seien der Ort für wichtige gesellschaftliche Debatten, sie seien Initiatoren, Moderatoren und Vermittler zwischen den verschiedenen Nationalitäten. Im Folgenden können Sie sich mit den Inhalten, Thesen und Highlights des Medienforum2011 bekannt machen.

Aleksander Gorbunow

Aleksander Gorbunow, Rektor der gastgebenden Linguistischen Universität Pjatigorsk

Jens Gust, Regionalbeauftragter Deutsche Botschaft Moskau

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Überblick:

Interkulturalismus als Zukunftsmodell für Russland (Vortrag Emil Pain)

Multikulturalität in den deutschen Massenmedien – eine Bestandsaufnahme (Vortrag von Rainer Geißler)

Multinationalität in den russischen Massenmedien – eine Bestandsaufnahme (Vortrag von Josif Dsjaloschinski)

Pjatigorsk – das Tor zum Kaukasus

Tipps für Nachwuchsjournalisten für den Umgang mit Themen der multiethnischen Gesellschaft

Medien – Vermittler oder Unruhestifter?(Podiumsdiskussion)

Russische Kulturpolitik in den Massenmedien (Vortrag von Stanislaw Belkowskij)

Lokale Medien als Plattform zum interethnischen Dialog (Vortrg von Ljudmila Mamchjagowa und Elena Pawlowa)

Besuch von Redaktionen und Gemeinden in Pjatigorsk

Runder Tisch mit Hans-Joachim Neubauer

Recherche– und Schreibwerkstatt

 

 

Interkulturalismus als Zukunftsmodell für Russland

Vortrag von Emil Pain

Als die Imperien im 18. und 19. Jahrhundert zu Nationalstaaten wurden, herrschte das Paradigma der Assimilation. Kleinere Völker wurden durch die größeren aufgesaugt. Das wandelte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts und Assimilation wird heute überwiegend als gewaltsam und negativ wahrgenommen. Die freiwillige Integration in einen durch die gemeinsame Sprache und gemeinsame Gesetze geprägten Staat trat in den Vordergrund. Ethnische Unterschiede bleiben angesichts eines gemeinsamen bürgerlichen Grundkonsenses bestehen und bilden so eine multikulturelle Gesellschaft. Diese Auffassung wird seit Ende der 1970er Jahre von zwei Seiten her kritisiert: Es sei unmöglich, ohne Assimilierung einen Staat zusammenzuhalten und die Monokultur mit der Vielfalt auszutauschen. Aus einer anderen Denkrichtung kritisiert man, dass der Multikulturalismus nur ein Nebeneinander, aber kein Miteinander hervorrufe und dass multikulturellen Gesellschaften die Aufspaltung droht. Letzteres sei auch im Sinne der Multikulturalismus-Kritik Merkels und Sarkozys. Emil Pain lehnt sich ebenfalls an diese Haltung an und vertritt dabei den Standpunkt, dass eine De-Individualisierung die bürgerliche Aktivität hemmt und dass das Individuum nicht zum Gefangenen der Gemeinschaft werden sollte. Pain spricht sich für einen Interkulturalismus aus. Darin ist der Schutz kultureller Besonderheit inbegriffen, soll aber nicht in eine Privilegierung müden. Auch sei dabei die Zugehörigkeit zum Staat wichtiger als die Zugehörigkeit zur Religion oder zur Ethnie.

Emil Pain, Direktor des Center for Ethnopolitical and Regional Studies

Multikulturalität sei im russischen und deutschen Kontext unterschiedlich zu verstehen. In Russland gibt es kein Migrationsproblem wie in Deutschland, sondern es gibt Probleme mit den russischen Bürgern, sagt Pain. Russlands Probleme als multiethnische Gesellschaft seien daher mit Spanien (Baskenland) und Großbritannien (Nordirland) vergleichbar. Das Problem sei nicht der importierte Terrorismus, sondern der Umgang mit den Völkern innerhalb des eigenen Territoriums. So sei das Ergebnis einer Umfrage unter Moskauer Studierenden in diesem Kontext problematisch zu sehen: 90 Prozent der Studierenden sind der Ansicht, dass der Kaukasus kein Teil der russischen Gemeinschaft ist. In diesem Zusammenhang erwähnte Pain auch, dass die Sowjetunion der 1920er Jahre die einzige Verwirklichung von Interkulturalität gewesen ist. Diese Aussage verteidigte Pain auf eine kritische Nachfrage hin.

Bezüglich der Berichterstattung sagte Pain, dass Journalisten zu sehr vielen unterschiedlichen Themen schreiben müssen. Sie kennen die historischen Wurzeln der Völker nicht und berichteten deshalb oft verkürzt über komplizierte und sensible Sachverhalte.

 

Multikulturalität in den deutschen Massenmedien
– eine Bestandsaufnahme

Vortrag von Rainer Geißler
Bis Ende der 1990er Jahre waren die Worte „Einwanderungsland“ und „Multikulturalismus“ Reizwörter in Deutschland und das Wort „Integration“ tauchte fast ausschließlich im akademischen Kontext auf. Vor gut zehn Jahren fand ein Paradigmenwechsel in der öffentlichen Debatte statt: Es wurde immer mehr über Migranten und nicht länger über unerwünschte Ausländer oder Gastarbeiter gesprochen.

Rainer Geißler, Universität Siegen

Wissenschaftliche Untersuchungen ergaben aber, dass über Migranten überwiegend in negativen Kontexten berichtet wird: Sie belasten die öffentlichen Haushalte, sie erzeugen viele Probleme und sie sind eine Bedrohung für die innere Sicherheit. Diese klischeehafte Negativdarstellung von Migranten in untersuchten Printmedien finde ein Gegengewicht bei Fernseh-Produktionen in der Unterhaltungssparte wie der Krimi-Serie „Tatort“ oder der Casting-Show „Deutschland sucht den Superstar“. Diese seien wissenschaftlich aber noch nicht hinreichend untersucht worden. Als Beispiele für eine ausgeprägte Negativdarstellung von Migranten führt Geißler das Magazin „Der Spiegel“ an, das über junge Migranten als „die gefährlichste Spezies der Welt“ berichtet und die Bild-Zeitung, die unter Titeln wie „Die Wahrheit über kriminelle Ausländer“ berichtet, dass junge Migranten schon in ihren Familien zu Kriminellen erzogen würden.

„Es fehlt die ethnische Kompetenz bei Journalisten, wenn sie über türkische Viertel berichten.“

In einer Studie fand Geißler heraus, dass sich die Art Berichterstattung über Migranten zwischen 1996 und 2006 verändert hat: Die Negativdarstellung ist zurückgegangen. Dennoch sei das mediale Bild, das von Leitmedien wie der Bild-Zeitung und dem Spiegel erzeugt wird, immer noch zu 77 Prozent bzw. 73 Prozent negativ. Fehler wie „islamische Gewaltbereitschaft“ statt „islamistische Gewaltbereitschaft“ führen immer noch zu falschen Vermengungen. Die Ursachen für den Negativismus in den Medien liegen unter anderem in der Hierarchie der Nachrichtenwerte („good news are bad news“), in der Kritikfunktion der demokratischen Massenmedien (es gehört zu ihren Aufgaben, Probleme zu recherchieren) und in der unzureichenden ethnischen Diversität im Personal der Medien (es gibt eine Diskussion über eine Migranten-Quote bei Medien).

„Die Integration in Deutschland ist besser als ihr Ruf. Der Ruf ist ein Produkt der Medien und dieses mediale Produkt muss in Zukunft noch erheblich verbessert werden.“

Auf eine Frage wie Medien in Deutschland mit der Erwähnung der Nationalität bei Verbrechen umgehen, erklärt Geißler die Funktion des Pressekodex in Deutschland, dem Journalisten freiwillig folgen können. Artikel 12a des Pressekodex sieht vor, dass bei Kriminalität durch Migranten die ethnische Zugehörigkeit nur erwähnt werden darf, wenn sie zum Verständnis des Verbrechens sinnvoll ist. Eine Teilnehmerin weist darauf hin, dass mittlerweile auch die Gefahr besteht, der zu positiven Darstellung von Migrantengruppen und der Tabuisierung gewisser Themen. So würde bei Nicht-Erwähnung von Herkunftskontexten eventuell die Diskussion über Gesetzesänderungen unterbunden.

 

Multinationalität in den russischen Massenmedien
– eine Bestandsaufnahme

Vortrag Josif Dsjaloschinski
Die Menschen hängen sehr stark von den Massenmedien ab und können ihre Realität ohne sie oft nicht mehr konstruieren. Das Vertrauen aber in die russischen Massenmedien ist gering: 16 Prozent vertrauen den nationalen Medien, neun Prozent den regionalen Medien. Beim Umgang mit multiethnischen Themen gibt es derzeit drei Ansätze: mit aufklärerischer Sicht über andere Kulturen informieren, über einen folkloristischen Ansatz die traditionellen Feste oder das Essen verschiedener Kulturen zeigen oder die patriotische Sicht, dass die russische Kultur in Russland vorherrscht und sie als Leitkultur anerkannt sein muss.

Josif Dsjaloschinski, Medienforscher in Moskau

40 Prozent der Berichterstattung über multiethnische Themen ist aggressiv. Überschriften wie „Keine Moschee in orthodoxen Städten“ zeigen die polarisierende und feindlich eingefärbte Sprache, mit der oft über Themen der multiethnischen Gesellschaft berichtet wird. Außer ethnischen Gruppen gibt es natürlich auch soziale Gruppen, aber die überlagern die nationalen Identitäten nicht und wenn Journalisten nicht über Ethnien schreiben können, suchen sie eine andere Schublade zur Verallgemeinerung, sagt Dsjaloschinski. Bei Studien fand Dsjaloschinski heraus, dass die Toleranz mit der Nähe zu Grenzen zu anderen Regionen abnehme. So entwickle jede Region eine Abgrenzung zu anderen: In Jaroslawl sind sie die Schlausten, in Belgorod die Talentiertesten und so weiter. Toleranz bedeute in Russland Positives über andere zu schreiben.

„Am positivsten wird in Russland über die Italiener, die Deutschen, Franzosen und Schweden geschrieben, am schlechtesten über Tschetschenen, Georgier, Aserbaidschaner, US-Amerikaner und Chinesen.“

Im russischen Fernsehen werden Dagestaner selten beim Arbeiten gezeigt, dafür umso häufiger beim Tanzen, Singen oder Spaß haben. Themen würden so ausgewählt, dass gewisse nationale Gruppen immer schlecht weg kommen. Auch bei der Darstellung von Kriminalität wird häufiger über Ausländer berichtet, die in Moskau Verbrechen verüben. So entsteht das Bild von den kriminellen Ausländern, obwohl die Statistik zeigt, dass 70 Prozent der Verbrechen von Moskauer Bürgern verübt werden. Weil die Medien heute in Konkurrenz zueinander stehen, schlichten sie durch ihre Berichterstattung selten Probleme – im Gegenteil.

„Der russische Sportjournalismus ist voll von Menschen, die andere Menschen hassen.“

Auf die Frage, was man dafür tun kann, dass in Russland eine tolerantere Gesellschaft entsteht, antworteten ca. 50 Prozent der Befragten, dass dies dann geschieht, wenn der Präsident es sagt. Dem stimmt auch Dsjaloschinski zu. Außer der Initiative von oben sieht er aber auch in der Bildung der Journalisten eine Chance, mehr Toleranz in den Medien zu schaffen. Er fordert, dass die Journalisten einen Kampf führen sollen für die Andersdenkenden.

„Ist es wirklich so schlimm, wie Sie es darstellen?“, will Teilnehmer Bastian Henning von der Badischen Zeitung im Anschluss an den Vortrag wissen und wendet ein, dass er russische Kollegen kenne, die sehr differenziert berichten, zum Beispiel bei der Nowaja Gazeta. Dsjaloschinski verteidigt seinen Standpunkt, indem er sagt, dass die Auflage von Nowaja Gazeta sehr klein ist und die Tendenz diejenige ist, die er aufgezeigt hat. Ein weiterer Einwand kommt vom Direktor für Internationale Beziehungen der Linguistischen Universität Pjatigorsk, der kritisiert, dass die Statistiken, die Dsjaloschinski verwendet nicht repräsentativ seien, was dieser dementiert.

 

Pjatigorsk – das Tor zum Kaukasus

Die Stadtführung am Fuße des Maschuk.

Die Stadt der fünf Berge ist der Geburtsort von Tolstoj, der russische Schriftsteller Lermantow hat sich hier duelliert und Puschkin hat viel Zeit in Pjatigorsk verbracht. Das mag an der guten Luft liegen, die die Stadtführerin mit dem Kuss eines Kindes vergleicht. Rund um den Berg Maschtuk herum gibt es Geh- und Atemkurpfade, Pjatigorsk ist ein Kurort mit vielen Hotels und Sanatorien. Bekannt ist die Gegend auch für das Mineralwasser, das aus den Bergquellen sprudelt.

Pjatigorsk - bekannt für heiße und kalte Quellen.

Man erzählt sich viele Legenden in der Region rund um Pjatigorsk, zum Beispiel darüber, warum im Kaukasus so viele Sprachen gesprochen werden: Als Gott mit einem Sack über die Welt flog und die Sprachen auf die Regionen verteilte, ist der Sack an den Spitzen des Kaukasus-Gebirges hängen geblieben und aufgerissen.

Eine andere Sage ist die Erklärung dafür, warum der Berg Elbrus zwei Gipfel hat: Ein Volk von Riesen lebte in der Gegend. Der Häuptling hieß Elbrus und hatte einen mutigen, starken Sohn, Beschtau. Er liebte ein schönes Mädchen names Maschuka. Auf einmal wollte der alte Vater Beschtaus noch einmal jung werden und die hübsche

Der Beschtau, einer von fünf Bergen, die die Stadt Pjatigorsk (deutsch: Stadt der fünf Berge) einrahmen.

Maschtuka heiraten. So schickte er seinen Sohn in einen Krieg in der Hoffnung, dass sein eigener Sohn dort den Tod finden wird. Der Vater heiratete Maschuka, der Sohn aber kam siegreich zurück und spaltete wütend den Kopf des Vaters Elbrus in zwei Hälften. Daraufhin erzürnten die Götter über das Riesen-Volk und rammten einen Säbel mitten in Maschtukas Herz, wodurch der See Porwal entstand. Außerdem versteinerten die Götter das ganze Riesen-Volk. Diese Versteinerungen formen das heutige Kaukasus-Gebirge.

 

Tipps für Nachwuchsjournalisten für den Umgang
mit Themen der multiethnischen Gesellschaft

O-Ton Olga Allenowa

Olga Allenowa, Kaukasusspezialistin beim Kommersant (russisch)

„80 Prozent der russischen Massenmedien sind mit der Macht verbunden, was einer der Gründe für die Xenophobie in der russischen Gesellschaft ist.“

„Es gibt mehr Rassismus, weil in den Massenmedien mehr darüber berichtet wird. Das Kaukasus-Thema interessiert viele Menschen und kann für Journalisten, die reißerisch darüber schreiben, zu einem Sprungbrett zur Berühmtheit werden.“

O-Ton Canan Topçu

Canan Topçu, freie Journalistin mit Schwerpunkt Integration und Migration (deutsch)

„Die Medienberichterstattung über die multiethnische Gesellschaft spielt sich im Radius von Terrorismus und innerer Sicherheit, Ehrenmord und dem Geschlechterverhältnis ab.“

„Die Migranten in Deutschland sind in den Massenmedien erst präsent geworden mit den Problemen, die in der dritten Generation von Einwanderern auftauchten und durch dem 11. September 2001.“

 

Medien – Vermittler oder Unruhestifter?

(Podiumsdiskussion)

Bei der öffentlichen Podiumsdiskussion diskutierten die Referenten des Tages mit dem Publikum.

„Ich bin dafür, dass die Medien bei der Berichterstattung über Themen, die die multiethnische Gesellschaft betreffen, reguliert werden.“ (Olga Allenowa, Kommersant)

„Muss man einen Migrationshintergrund haben, um über Themen der multikulturellen Gesellschaft berichten zu können?“ (Diana Laarz)

Zuhören, fragen, mitschreiben, fotografieren: Die Teilnehmer beim Medienforum waren aktiv.

„Die Migrationsbiografie per se ist kein Qualitätsmerkmal. Um über Migranten-Themen zu schreiben, ist es wichtig sich Kompetenz anzueignen und Empathie zu haben.“ (Canan Topçu)

„Die Medien sind ein Kind des Volkes wie die Armee und die Journalisten sind vom Volk so geschaffen worden.“ (Josif Dsjaloschinski)

Bei der Podiumsdiskussion waren auch Gäste eingeladen.

„Man darf die Kontexte bei der Berichterstattung nicht aus den Augen verlieren und man muss mit Besonnenheit schreiben und recherchieren.“ (Canan Topçu)

„Die Medien tragen nicht die Verantwortung dafür, dass die Kinder genug zu spielen haben. Ich sage das polemisch, weil es sehr leicht ist von außen Verantwortung an die Journalisten heranzutragen. Natürlich ist man der Wahrheit verpflichtet und natürlich soll man keine Hetze betreiben. Aber die Frage ist eigentlich: Wer übernimmt die Verantwortung für die Journalisten?“ (Hans-Joachim Neubauer)

 

Russische Kulturpolitik in den Massenmedien

Vortrag von Stanislaw Belkowskij
Der Populismus, der die Medienpolitik beherrscht, hat mehrere Quellen: Die wirtschaftlichen Interessen der Inhaber der Massenmedien seien bestimmend für die Zensureinschränkungen für Journalisten. Außerdem habe sich in Russland eine Mediokratie entwickelt, die seit Ende der 1990er durch die Medienoligarchen bestimmt wird. Damit sei eine parallele Institution entstanden, die von niemandem gewählt wurde, aber Realität für die Massen produziere und so zum Machtfaktor ohne Legitimation werde. Wichtig zu beachten ist hier die Rolle des Internets, sagt Belkowskij. Durch das Internet verwischt die Grenze zwischen Nutzer und Quelle von Informationen und jeder kann zum Journalisten werden. So findet eine Verstörung der alten Kontrollmechanismen des Staates und eine Abschwächung des Populismus statt.

Zensur wird zunehmend zur Selbstzensur, indem es mehr Anerkennung für diejenigen gibt, die der erwünschten Richtung entlang schreiben. So wird derzeit beispielsweise die Idee der Stabilität für Russland in den Medien stark beschrieben. Als Medwedew an die Macht kam, wurde dies als kleineres, aber Stabilität sicherndes Übel beschrieben. Das System wird so dargestellt, dass es nicht kritisierbar ist, weil jede Alternative nur schlimmer wäre. Die Vorstellung der Alternativlosigkeit erhält das Regime aufrecht. Die Mediokratie bedient die Idee der Stabilität und die Einigkeit mit dem Kreml auch wenn einige Medien persönlich oder konzeptionell dagegen schreiben. Eigentlich wollen auch sie den Status quo erhalten. Allerdings werden nun Inhalte im Internet öffentlich besprochen, die es nie in die normalen Medien geschafft hätten, daher kann man sagen dass sich das Internet den Gesetzen der Mediokratie nicht unterordnet. Belkowskij sieht Russland derzeit im Zerfallsprozess, weswegen der Nationalismus auch im Internet zunehme.

Stanislaw Belkowskij schrieb die Bücher „Die Oligarchen und der Staat“, „Die Einsamkeit Putins“ und „Die Einsamkeit Putins – 2“

Die russische Kulturpolitik hat sich in den vergangenen 20 Jahren im Gegensatz zur ideologischen Sowjetzeit abgeschwächt. Der Staat hat sich aus der Kulturpolitik und aus deren Finanzierung zurückgezogen. Anfang der 2000er Jahre aber kam der Staat zurück auch wegen der besseren finanziellen Situation. Der Staat will folgende Botschaft vermitteln, sagt Belkowskij: Russland hat keine Chance und das russische Volk kann nichts. Somit sind die zwei Hauptbotschaften der aktuellen russischen Kulturpolitik, dass es politische Stabilität nach dem Prinzip des geringeren Übels geben muss und dass es viele Menschen gibt, die außerhalb der kulturellen und wirtschaftlichen Einrichtungen des Landes geblieben sind und die nichts erreicht haben. Das werde in großen Filmproduktionen und in der Populärliteratur vermittelt.

Bei der Nachfrage, ob der Zerfall Russlands mit einem Krieg verbunden sei, antwortet Belkowskij, dass der Krieg in der modernen Welt nicht mehr determinierend für das Bestehen oder Zerfallen eines Staates ist. Viel stärker ins Gewicht fallen erschöpfte Ressourcen (Sowjetunion), Ideologie-Krisen oder das Faktum, dass die Konsumbesdürfnisse der Gesellschaft nicht mehr befriedigt werden können.

 

Lokale Medien als Plattform zum interethnischen Dialog
mit den nordkaukasischen Lokaljournalistinnen
Elena Pawlowa und Ljudmila Mamchjagowa

Jelena Pawlowa

Jelena Pawlowa

„Niemand kann dem Internet die Stirn bieten, dort kann jeder rassistische Ideen verbreiten. Wir haben nur ein kleineres Auditorium, aber wir arbeiten mit dem was wir haben. Wir befinden uns auch im Informationskrieg, deswegen brauchen wir eine gut organisierte und funktionierende Zivilgesellschaft. Nur dann können wir auch gewisse Schlachten gewinnen.“ (Elena Pawlowa)

Ljudmila Mamchjagowa

„Es fehlt ein gegenseitiges Verständnis zwischen den Medien in der Zentrale in Moskau und zwischen den lokalen Medien im Kaukasus. Es passieren viele schlimme Dinge hier, es passiert jedoch auch viel Gutes, darüber berichtet man aber nicht.“

 

 

Besuch von Redaktionen und Gemeinden in Pjatigorsk

Das Medienforum unterwegs: Die Teilnehmer fuhren in Kleingruppen zu einer Zeitungsredaktion und zu einem Fernsehsender und konnten sich von der Arbeit der Medien vor Ort ein erstes Bild machen. Außerdem empfingen Vertreter der tschetschenischen, der dagestanischen und der armenischen Gemeinde die Jungjournalisten und stellten sich zwei Stunden lang den Fragen der Besucher. Anschließen wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Mittagessen eingeladen.

Die Teilnehmer des Medienforums zu Gast bei der armenischen Gemeinde in Pjatigorsk

Nach den Gesprächen: Die Teilnehmer des Medienforums zu Gast bei der armenischen Gemeinde in Pjatigorsk.

 

Runder Tisch mit Hans-Joachim Neubauer

Erfahrungen bei den Besuchen der Gemeinden und Redaktionen sowie
Austausch von Erfahrungen aus dem Journalistenalltag der Teilnehmer zur Berichterstattung im multiethnischen Kontext.

Zeit für den Austausch Erfahrungen: Gespräch am runden Tisch

Zeit für den Austausch Erfahrungen: Gespräch am runden Tisch

„Nach dem Redaktionsbesuch habe ich das Gefühl, dass im Kaukasus nicht der Schuld hat, der zugestochen hat, sondern der, der zuerst ein beleidigendes Wort gesagt hat. Deswegen wird Information stark gefiltert, weil man niemanden beleidigen möchte.“ (Tatiana Marshanskich)

Auf die Frage, über was sie bei der Pjatigorsker Prawda schreiben, antwortete man, dass sie über Fakten schreiben und nicht interpretieren. Wir schreiben nicht über Konflikte, weil wir Touristen anlocken wollen. Hier in Pjatigorsk ist alles schön, es gibt schöne Frauen und eine schöne Natur, sagte der Chefredakteur der Pjatigorsker Prawda, berichten die Teilnehmer des Medienforums.

Antonie Rietzschel berichtet über ihre Erfahrungen als Journalistin in Kasachstan: „Deutsche Redakteure haben ein bestimmtes Bild im Kopf und wollen auch über dieses Bild in ihrer Zeitung lesen und sind dann ohne im Land gewesen zu sein voreingenommen.“

Dem stimmt auch Christina Horsten zu: „Aus dem Ausland wird oft nur entlang von Klischees berichtet. Geschichten, die dem nicht entsprechen, werden seltener gekauft. Die brasilianische Fußballmannschaft tanzt deshalb grundsätzlich Samba auf dem Platz und wenn man über die argentinische Nationalelf schreibt, wird immer das vermeintliche Synonym „Gauchos“ in den Text hinein redigiert, obwohl das in Argentinien niemand sagt.“

Jevgenij Stepanov erzählt über die Freiheit der Berichterstattung über multiethnischen Themen.

„Ich sollte einen Artikel für eine föderale Zeitung über die Verdrängung der russischen Händler auf den Märkten durch tadschikische und chinesische Händler schreiben, was auch den Fakten entsprach. Als ich die Chinesen und Tadschiken befragen wollte, hatte diese Angst, mit mir zu sprechen.“(Tatiana Marshanskich)

„Als ich als Stipentiatin in Deutschland beim Bonner Generalanzeiger gearbeitet habe, wollte ich eine Reportage über Graffitikunst in Bonn schreiben. Bei der Redaktionssitzung gab es dann eine Diskussion und sie sagten mit, dass ich die Graffitikünstler negativ beschreiben soll und erwähnen soll, dass es strafbar ist, was sie tun. Die Redakteure begründeten dies damit, dass ihre Leser das nur als Schmutz und Kritzelei betrachten und man deshalb eher negativ darüber schreiben soll.“ (Nuria Fatykhova)

„Die Kölner Stadtverwaltung war in Korruption verwickelt, worüber die Zeitungen aus München früher berichteten als die Kölner Lokalzeitungen. Das liegt daran, dass die beiden großen Tageszeitungen in Köln dem gleichen Verlag angehören und der Verlagschef zum Establishment der Stadt gehört.“ (Miltiadis Oulios)

„Wir wurden beim lokalen Fernsehsender hier wie die Touristen behandelt. Wir wurden zum Tee eingeladen, dann wurde man in das Museum geführt. Die Leitung wollte unbedingt ein positives Bild erzeugen.“ (Evgenij Stepanow)

„Ich bekomme in meiner Redaktion nicht die Möglichkeit etwas zu schreiben, das die Gesellschaft in Unruhe versetzen könnte.“ (Inna Pishtschulina)

Ljudmila Terjan gibt bei der armenischen Gemeinde Pjatigorsk den Ton an.

Ljudmila Terjan gibt bei der armenischen Gemeinde Pjatigorsk den Ton an.

Es gibt keine Probleme, alles ist gut, war die Botschaft der dagestanischen, armenischen und tschetschenischen Gemeindevertreter. „Der Vertreter der dagestanischen Gemeinde in Pjatigorsk sprach von Dagestan als Ort der Freiheit und Harmonie, wo nebst wunderbarer Natur alle Völker in Frieden miteinander leben, dabei alle ihre Kultur und Tradition bewahren und sich gegenseitig unterstützen.“ (Olga Lizunkova)

„Die falsche Darstellung in den Medien sei schuld, dass Dagestan in einem verzerrten Bild gezeigt wird“, so die Worte des dagestanischen Gemeindevertreters. „Ich war sehr überrascht, dass es in einer Region mit so vielen Völkern keine Konflikte gibt und kann das kaum glauben.“ (Anorte Linsmeyer)

Moderator Hans-Joachim Neubauer: Wer schränkt uns ein? Auf wen nehmen wir von vorne herein Rücksicht? Ein Beispiel ist der Georgien-Russland-Konflikt, über den in den deutschen Medien lange über das kleine unschuldige Land Georgien und den großen bösen Nachbarn Russland berichtet wurde.

„Ich war enttäuscht, dass der Vertreter der tschetschenischen Gemeinde alles so schön gemalt hat. Aber vielleicht muss ich mich da auch selbst kritisieren, da ich zu viel erwartet habe für ein zweistündiges Gespräch. Man kann in der kurzen Zeit nicht so tief in so ein Thema einsteigen.“ (Pauline Tillmann)

Im Gespräch: Jungjournalisten und Vertreter der tschetschenischen Gemeinde Pjatigorsk

Im Gespräch: Jungjournalisten und Vertreter der tschetschenischen Gemeinde Pjatigorsk

„Man will den anderen das eigene Leid nicht aufbürden und sagt auch aus Höflichkeit nicht alles, was schief läuft. Man will sich nicht vor Fremden Menschen beschweren. Vielleicht ist das ein Problem der Menschen in Osteuropa, weil sie Angst haben, dass die eigene Region oder Nation schlecht dasteht.“ (Nuria Fatykhova)

„Mit den Antworten, die man bekommt, wenn man sich frontal mit Leuten unterhält, kann man oft nichts anfangen. Es ist besser, sich in Situationen zu begeben, weil die Menschen dann freier sprechen und eher so sind wie sie sind und nicht in ihrer offiziellen Funktion sprechen.“ (Carmen Eller)

Hans-Joachim Neubauer: Man muss also die Schwierigkeiten wahrnehmen, die man hat, wenn man sich mit diesen Problemen beschäftigt: Zensur und Selbstzensur, innere Barrieren der Interview-Partner sowie Political Correctness. Aber auch die Dynamik zwischen Selbst- und Fremdbild muss man beachten, dazwischen funkt es oft. Deswegen sollte man sich vielleicht immer die Frage stellen: Was tue ich eigentlich, wenn ich über eine Sache schreibe?

 

Recherche- und Schreibwerkstatt

Populismus vs. Political Correctness der Medienberichterstattung zu multiethnischen Themen. Praktische Anwendbarkeit: Tabus brechen oder Verantwortungsbewusstsein trainieren? Das war die Leitfrage des Abschluss-Workshops des Medienforums.

Kathrin Erdmann und Iwan Suchow leiteten gemeinsam den Workshop Populismus vs. Political Correctness

Kathrin Erdmann und Iwan Suchow leiteten gemeinsam den Workshop Populismus vs. Political Correctness

So hatten die Teilnehmer die Chance, selbst kreativ zu werden und sich auf Recherchen in die Stadt Pjatigorsk zu begeben. Die beiden Workshopleiter Iwan Suchow und Kathrin Erdmann haben Ihnen dabei mit zur Seite gestanden und Tipps gegeben. Eine der Workshop-Gruppen stellte sich die Aufgabe, Stereotypen zu hinterfragen und den Menschen auf der Straße folgende Frage zu folgenden Bilden zu stellen: Wer ist die Russin?

Wer ist die Russin?

Wer ist die Russin?

Wer ist die Russin?

Wer ist die Russin?

 

 

 

Zeit für Gruppenarbeit: Workshop "Populismus oder Political Correctness?"

Zeit für Gruppenarbeit: Workshop "Populismus oder Political Correctness?"

 

Das Medienforum 2011 – ein kurzes Echo der Teilnehmer:

„Mehr als je zuvor, ist mir bewusst geworden, dass es für diesen Konflikt keine einfachen Ursachen und dementsprechend keine einfachen Lösungen gibt. Beim journalistischen Umgang mit multiethnischen Themen werde ich zukünftig noch stärker als bisher darauf achten, Stereotype zu vermeiden und tiefer in das Thema einzudringen, nach Hintergründen und Ursachen zu fragen. Dass die Gefahr einer einseitigen Darstellung bei diesem Themengebiet besonders groß ist, ist mir während dieses Medienforums klar geworden. Man selbst wird sich seiner eigenen Vorurteile nur selten bewusst. Diese Vorurteile wurden mir während des Aufenthaltes in Pjatigorsk einige Male vor Augen gehalten. Das hilft dabei, gegen diese Stereotype anzukämpfen. Auf meine journalistische Arbeit wird sich das in Zukunft hoffentlich positiv auswirken.“

Arina Popova erzählt, mit welchen Gedanken sie vom Medienforum 2011 nach Hause fährt. Audiomitschnitt Arina Popova (russisch)

 

Mitgeschrieben, interviewt, fotografiert und mitgeschnitten hat:

Heidi Beha,
Robert Bosch Stiftung
woronesch@boschlektoren.de

in Pjatigorsk/Nordkaukasus